Resilienz – Was macht uns psychisch widerstandsfähig?

22.05.2017

Resilienz – Was macht uns psychisch widerstandsfähig?

 

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stressbelastung. Die gleiche Situation kann verschiedene Reaktionen auslösen. Eine Situation lässt sich damit nicht per se als Stresssituation definieren. Zur Stresssituation kommt es erst, wenn der Betreffende die Situation als belastend wertet. Ausgangspunkt für unser Stress-erleben sind also Interpretationen und Wahrnehmungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Resilienzforschung in der Entwicklungspsychologie

 

Auch in der Entwicklungspsychologie beschäftigte man sich mit dem Thema Resilienz. In den 1970er Jahren wurden in der Risikofaktorenforschung immer mehr Kinder untersucht, denen es gelang, trotz widriger sozialer Umstände eine optimistische Lebenseinstellung zu entwickeln und ihre Lebensziele zu erreichen.
Später wurde auch in Deutschland zu dem Thema geforscht. Dabei konnte eine Reihe schützender Faktoren definiert werden. So wirkt sich eine ausreichend sichere Bindung zu einer emotionalen Bezugsperson positiv aus, ebenso ein stabiler Familienzusammenhalt. Auch hohe soziale Kompetenzen, hohe Selbstwirksamkeitserwartungen und die eigene Empathiefähigkeit bieten Schutz gegen Stress.

 

Das Modell der Salutogenese nach Antonovsky – Wie entsteht Gesundheit und was ist Resilienz?

 

Wir alle sind in unserem Leben ständig mit den unterschiedlichsten Stressoren konfrontiert. Manche Menschen kommen auch mit einer hohen Stressbelastung gut zurecht, andere weniger gut. Abgesehen von Stressoren, die den Organismus direkt zerstören, lässt es sich nicht vorhersagen wie einem Menschen die Stressbewältigung gelingt und sich seine psychische Gesundheit entwickelt. Dieses Geheimnis versucht die Salutogenese zu enträtseln. Resilienz wird hierbei als Synonym für psychische Widerstandsfähigkeit gesehen.

 

Antonovskys Hypothesen zur Salutogenese

 

Ein Merkmal vorhandener Widerstandsressourcen ist es, dass sie uns dabei helfen, den Stressoren, die wir bewältigen müssen, einen Sinn zu geben. Solche Widerstandsressourcen können unsere eigene Ich-Stärke sein, die soziale Unterstützung, die wir erfahren oder auch finanzielle Mittel oder kulturelle Eingebundenheit und Stabilität. Dadurch dass uns diese Widerstandsressourcen fortlaufend mit solchen sinnhaften Erfahrungen versorgen, schaffen sie in uns mit der Zeit ein starkes Kohärenzgefühl, also hohe Resilienz.

Als weiterer Aspekt kommt die Verstehbarkeit des Geschehens dazu. Stressoren können gedeutet und eingeordnet werden. Sie erscheinen nicht völlig unverständlich und zusammenhangslos, ihnen kann ein Sinn zugeordnet werden. Einer resilienten Person gelingt es, sich diese Stressoren zu erklären. Die Ereignisse werden als Erfahrungen gewertet, mit denen man umgehen kann. Sie werden eher als Herausforderungen gesehen.

Einfluss auf unsere Resilienz nimmt auch unser Empfinden, inwieweit wir uns den Ereignissen gewachsen fühlen, sie für handhabbar halten und mit ihnen umgehen können. Auch Hilfe von außen, etwa durch Ehepartner, Freunde, Kollegen, einen Arzt oder Gott kann eine solche Ressource darstellen.

 

Nach Antonovsky weisen Personen mit einer ausgeprägten Resilienz folgende Merkmale auf:

  • Äußere Stimuli werden als vorhersehbar empfunden. Sie sind strukturierbar und können erklärt werden.

  • Man verfügt über ausreichend eigene Ressourcen, um den jeweiligen
    Lebensanforderungen zu begegnen.

  • Diese Anforderungen werden als Herausforderungen erlebt, für die es sich lohnt, sich anzustrengen und zu engagieren

Der berufliche Einfluss auf die Prozesse und den Charakter der eigenen Bewertungen, Überzeugungen, auf unsere praktischen Urteile, Meinungen und unsere Ethik ist immens. So führt das Zusammenspiel von einer geringen Entscheidungsfreiheit und hohen Anforderungen im Beruf zu mentalen Belastungen. Mehr Kontrolle auf die Arbeitssituation auszuüben, z.B. durch Mitbestimmung und Reorganisation von Arbeitsprozessen kann bei gleichbleibender Anforderung eine höhere Arbeitszufriedenheit ermöglichen.

 

Weitere protektive Faktoren der psychischen Gesundheit

  • Soziale Unterstützung

  • Ein gutes soziales Netzwerk kann vor Krankheit und Tod schützen

  • Männer und Frauen profitieren mehr von weiblicher Unterstützung (stärkere Nutzung von Emotionalität und Emotionsausdruck)

  • Sportliche Aktivität (emotionales Wohlbefinden und geringe Ausprägung von Angst und Depressionssymptomatik)
     

Das Kohärenzgefühl ist eine stabile Einstellung der Person

 

Ohne sehr beträchtliche, ja geradezu radikale Veränderungen in den institutionellen, sozialen und kulturellen Settings, die die Lebenserfahrungen von Menschen formen, ist es utopisch zu erwarten, dass eine Begegnung oder auch eine Reihe von Begegnungen zwischen Klient und Klinker das Kohärenzgefühl signifikant verändern kann. Die eigene Weltsicht, die sich während Jahrzenten ausgebildet hat, ist ein zu tief verwurzeltes Phänomen, als dass es in solchen Begegnungen verändert werden könnte.

Jede Intervention, die eine lang anhaltende, konsistente Veränderung in den realen Lebenserfahrungen ermöglicht oder erleichtert, hat eine positive Auswirkung oder Steigerung des Kohärenzgefühls zur Folge.

Unser Kohärenzgefühl hat direkte Auswirkungen auf unsere Gesundheit

Personen mit einem hohen Kohärenzgefühl werden durch ein angemessenes Gesundheitsverhalten ihre Gesundheit positiv beeinflussen. Unsere Resilienz wirkt sich also direkt auf unsere Lebensqualität aus. Zudem wird eine genetisch determinierte Disposition vermutet.

 

Persönliche Reifung nach Belastungen und Traumata

 

Nach der Diagnose und Behandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung berichten viele Überlebende von verschiedenen positiven Veränderungen. In der empirischen Forschung werden diese Veränderungen als posttraumatische Reifung bezeichnet. Oft werden Situationen völlig neu bewertet. Dies führt dann beispielsweise zu Veränderungen im Erleben von Beziehungen, neue Handlungsoptionen werden wahrgenommen und neue Dimensionen persönlicher Stärken entdeckt. Viele Menschen berichten von einer größeren Selbstempathie und von einer neuen Annahme ihrer Lebenssituation.

 

Neubewertung und radikale Akzeptanz

 

Radikale Akzeptanz ist ein neuer Weg in der Betrachtung des Lebens. Dieser Weg geht davon aus, dass Leiden ein normaler Bestandteil menschlichen Lebens ist (statt anzunehmen, dass Leiden nicht sein sollte)

Die Vergangenheit ist unveränderlich. Die Zukunft ist noch nicht eingetreten. Nur in der Gegenwart kann das Verhalten eines Menschen einen Unterschied bewirken. Akzeptanz bedeutet nicht, Unrecht oder Katastrophen gutzuheißen oder Erinnerung zu vermeiden. Akzeptanz respektiert die Vergangenheit, anstatt mit ihr zu kämpfen und nimmt die Gegenwart so wahr, wie sie im Moment tatsächlich ist.

 

Wie kann der Aufbau von Resilienz gelingen?

  • Soziale Kontakte aufbauen

  • Krisen müssen nicht als unlösbare Probleme angesehen werden

  • Veränderungen gehören zu unserem Leben

  • Ziele setzen und versuchen, diese zu erreichen

  • Entschlossenes Handeln an den Tag legen

  • Eine positive Sicht zu sich selbst finden

  • Die Zukunft im Auge behalten

  • Das Beste für das eigene Leben erwarten

  • Lernen, für sich selbst zu sorgen

  • Sich in die Mitmenschen einfühlen lernen

  • Ordnen, was geordnet werden kann

  • Sinngebung: Herausfinden, warum wir so leben wie wir leben und wofür wir bereit sind einen hohen Preis zu bezahlen

 

Quellen: Konzept der Salutogenese (Antonovsky), Kette schützender Faktoren (Bengel), Erlernte Hilflosigkeit (Seligman), Kontrollierbarkeit am Arbeitsplatz (Karasek), Sportliche Aktivität (Steptoe, Butler, Greenwood, Fleshner), Achtsamkeitsmeditation (Kabat-Zinn), Prof. Dr. Yesim Erim (Erlangen)

Please reload

NEUESTE BEITRÄGE
Please reload

SCHLAGWÖRTER